Von Wendepunkten

In den letzten Monaten hat mich das Thema Wendepunkte im Leben beschäftigt, nicht zuletzt, weil ich selbst die Erfahrung eines Wendepunktes gemacht habe. Damit sind Momente gemeint, die eine Zäsur bedeuten und das Leben möglicherweise in ein Vorher und ein Nachher teilen.

 

Wendepunkte sehen von außen oft sehr unterschiedlich aus

Für manche sind es große Ereignisse, eine Diagnose, ein Verlust, ein Neubeginn. Für andere eher leise Momente, ein Satz, der hängen bleibt, ein Gefühl von „So geht es nicht mehr weiter“. Nicht selten erzählen Menschen im Rückblick, dass sie damals noch gar nicht verstanden hatten, dass das ein Wendepunkt war. Wendepunkte haben oft etwas Unbequemes, und tragen gleichzeitig ein Potenzial in sich. Mich interessiert weniger, ob sie gut oder schlecht sind, sondern was Menschen daraus machen.

Was das für Beratung und Begleitung bedeutet

Wendepunkte müssen nicht sofort eingeordnet werden. In der Praxis entsteht manchmal der Druck, verstehen zu wollen, was gerade passiert. Doch genau dieses frühe Einordnen kann überfordern, aus einem Erleben wird schnell eine Geschichte, aus einem Gefühl eine Erklärung. Hilfreicher ist oft die schlichte Frage, was gerade spürbar in Bewegung geraten ist.

Die Sprache darf unscharf bleiben. Menschen sprechen von Wendepunkten oft vorsichtig, suchend, mit Sätzen wie „Irgendwie fühlt sich etwas verschoben an“. Diese Sprache muss nicht präzisiert werden, sie weist oft darauf hin, dass etwas noch im Entstehen ist. Es kann hilfreich sein, der Unschärfe Raum zu geben, statt nach schneller Klarheit zu fragen.

Wendepunkte brauchen eine Begleitung, aber nicht unbedingt eine Richtung. Viele Menschen wünschen sich Orientierung, ohne klare Vorstellung, wohin es gehen soll. Oft geht es weniger darum, einen nächsten Schritt zu definieren, und mehr darum, den Übergang aushaltbar zu machen, nicht voranzugehen, sondern nebenher zu gehen. Fragen wie „Was hilft Ihnen gerade, das auszuhalten?“ tragen dabei oft mehr als jede Zielklärung.

Veränderung und Wendepunkte

Langsamer werden, weniger wissen, genauer wahrnehmen

Ein Wendepunkt ist nicht immer der Moment, in dem sich etwas entscheidet, oft ist es eher der Moment, in dem sich etwas nicht mehr übergehen lässt. Ein Innehalten, ein leises Wissen. Es muss nicht unsere Aufgabe sein, diese Momente sofort zu verstehen. Es kann genügen, sie ernst zu nehmen, ihnen Zeit zu geben, und uns selbst darin ein wenig weniger zu drängen.

 

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Neda Mohagheghi
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