Übergänge im Familienlebenszyklus

Im Moment begegnen mir in meiner Praxis immer wieder Menschen in Übergangsphasen: Paare, die zu Familien werden, Menschen, deren Elternteile pflegebedürftig werden, Eltern, deren Kinder das Haus verlassen. Grund genug, mich dem Thema zu widmen.

Auf der Suche nach Literatur bin ich auf das Familienlebenszyklusmodell von McGoldrick und Carter aus dem Jahr 1989 gestoßen, vorgestellt in Johannes Jungbauers Buch „Familienpsychologie Kompakt“, laut Jungbauer das bekannteste Modell dieser Art. Was mir gefällt: Die Autorinnen haben ihr ursprünglich heteronormatives Modell später erweitert.

 

Das Modell von McGoldrick und Carter

Familien sehen sich über die Zeit mit typischen Anforderungen konfrontiert, den Familienentwicklungsaufgaben. Jungbauer nennt drei Quellen dafür: körperliche Veränderungen wie Pubertät oder Pflegebedürftigkeit, gesellschaftliche Erwartungen und individuelle Wünsche der Familienmitglieder.

Das Modell beschreibt sechs Lebensphasen: die alleinstehende erwachsene Person, mit Aufgaben rund um Selbstdifferenzierung und finanzielle Unabhängigkeit. Die Verbindung von Familien durch Heirat, mit der Frage, wie „wir“ als Paar eigentlich sind. Familien mit jungem Kind, in denen das Beziehungssystem angepasst werden muss, um Raum für ein Kind zu schaffen. Familien mit Jugendlichen, wo sich die Eltern-Kind-Beziehung verändert und der Fokus wieder stärker auf die mittlere Lebensspanne rückt. Die nachelterliche Lebensphase, mit dem Neuaushandeln des Beziehungssystems als Zweierbeziehung. Und schließlich die Familie im letzten Lebensabschnitt, mit dem Aufrechterhalten des Funktionierens angesichts körperlichen Verfalls und der Auseinandersetzung mit Tod und eigener Endlichkeit.

Jungbauer weist darauf hin, dass das Modell vor allem die Elternperspektive einnimmt. Als Systemiker:innen interessieren wir uns natürlich für alle Familienmitglieder.

 

Wenn Familien nicht dem traditionellen Bild entsprechen

Besonders wertvoll finde ich die Erweiterung um nicht-normative Entwicklungsaufgaben. Eltern nach Trennung müssen trotz Konflikten eine förderliche Elternkoalition aufrechterhalten. Patchworkfamilien müssen ihre Grenzen erweitern und neue Beziehungspersonen integrieren. Regenbogenfamilien stehen neben praktischen und rechtlichen Hürden oft vor Skepsis im eigenen Umfeld, mit der auch die Kinder umgehen lernen müssen. Familien mit einem behinderten Kind können, anders als andere Eltern, oft nicht auf Vorbilder aus der eigenen Herkunftsfamilie zurückgreifen und müssen den Alltag neu erfinden. Und Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil erleben oft eine grundlegende Veränderung der Paarbeziehung, während Kinder mitunter früher Verantwortung übernehmen als üblich.

 

Ruckelige Phasen sind vorgesehen

Was ich an diesem Modell wichtig finde: Es macht deutlich, dass ruckelige Phasen quasi vorgesehen und normal sind. Gerade beim Übergang ins Elternsein schafft das eine gewisse Erleichterung, es gibt die Erlaubnis, überfordert zu sein und Dinge nicht so hinzubekommen, wie erwartet.

 

Familie

Fragen zum Weiterdenken

Welche Übergänge erinnerst du aus deiner Herkunftsfamilie, und wie habt ihr sie bewältigt? Welche Entwicklungsaufgaben hast du selbst schon gemeistert, welche stehen aktuell an? Und was, glaubst du, brauchen die anderen Mitglieder deines Systems für ihre eigenen?

Ich hoffe, dieser Artikel gibt dir ein paar hilfreiche Impulse. Ein Themenwunsch oder eine Frage? Schreib mir gern an hallo@neda-mohagheghi.de oder über Social Media.

Ich freue mich,
Sie kennen zu lernen!

Neda Mohagheghi
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