Skalierungsfragen: vielsagende Zahlen
Neben hypothetischen und zirkulären Fragen gibt es eine dritte große Kategorie systemischer Fragen, die ich besonders gern mag: skalierende Fragen. Sie laden dazu ein, ins Gespräch zu kommen, gerade dann, wenn Worte gerade nicht reichen wollen.
Das lernte ich schon in meiner Ausbildungszeit als systemische Familientherapeutin, in einer Praxis für Kinder und Jugendliche. Ich saß pubertierenden Jugendlichen gegenüber, die auf meine Frage „Wie ist es dir denn ergangen?“ nur cool mit den Schultern zuckten. Aus meiner Fast-Verzweiflung heraus entwickelte ich einen kleinen Fragebogen: mehrere Skalen von 0 bis 10, betitelt mit Familie, Freunde, Hobbys, Schule und Gesamtgefühl. Das schob ich den Jugendlichen zu Beginn der Sitzung zu, samt Stift, mit der Bitte, ein Kreuz zu machen, wo sie heute standen. Dafür musste erstmal nicht geredet werden, aber die Kreuze boten dann reichlich Gesprächsstoff.
Was ist das Geheimnis dieser Fragen?
Skalierungsfragen machen Dinge fassbar. Psychische, räumliche und zeitliche Unterscheidungen lassen sich damit differenzieren, und aus einem Schulterzucken wird eine Zahl auf einer Skala. Wie oft habe ich schon Klient:innen erlebt, die von einem unfassbar schlimmen Erlebnis berichteten und auf die Skalierungsfrage hin bei einer 4 oder 5 landeten. Und was machen wir, wenn jemand einen Wert nennt? Wir fragen weiter: Woran zeigt sich, dass du auf einer 5 stehst? Was wäre auf einer 6 anders? Und vor allem: Auf welchem Wert wärst du denn gerne?
Ein Beispiel aus der Team-Arbeit
Hat eine Führungskraft das Ziel, dass ihr Team gut zusammenarbeitet, kann ich fragen, wo sie das Team aktuell auf einer Skala bis 10 sieht. Sagt sie „bei einer 6″, frage ich nach, woran sich das zeigt, und wie ein Schritt Richtung 7 aussehen würde. Wer hätte was dafür getan? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung?
Unterschiede sichtbar machen
Skalierungsfragen bringen unser Gegenüber dazu, konkret zu werden, statt einfach zu sagen, dass etwas doof ist. Auch scheinbare Unterschiede lassen sich relativieren. In der Paararbeit erlebe ich oft, dass beide überzeugt sind, viel unglücklicher zu sein als der oder die andere, und sich auf der Skala dann erstaunlich dicht beieinander finden.
Andreas Patrzek unterscheidet in seinem Buch „Systemisches Fragen“ psychische, räumliche und zeitliche Skalierungen. Eine räumliche könnte lauten: „Wem stehen Sie näher, Kollege A oder B?“ Eine zeitliche: „Was muss zuerst passieren, bevor du dein Hostel eröffnest?“ Einsetzbar sind Skalierungsfragen überall, in Coaching, Teamsitzungen und zur Selbstreflexion, ob mit der 0-bis-10-Skala, in Prozent oder als räumliche Distanz.

Probieren Sie es selbst aus:
Wo stehen Sie gerade, und was läuft bereits gut, dass Sie hier stehen?
Wo müssten Sie stehen, um zufrieden zu sein, wobei es nicht die 10 sein muss?
Wann waren Sie diesem Wert schon mal näher, und was half Ihnen dabei?
Was könnte ein nächster kleiner Schritt sein, um näherzukommen?
Gehen Sie in Gedanken so Schritt für Schritt weiter, bis Sie beim Zielwert sind, und fragen Sie sich, womit Sie heute schon anfangen können.
Ich freue mich, wenn Sie mir von Ihren Entdeckungen berichten, gern über Social Media oder per Mail an hallo@neda-mohagheghi.de.
Ich freue mich,
dich und dein Team kennen zu lernen!
Neda Mohagheghi
Düstere-Eichen-Weg 22
37073 Göttingen