Von Zweifel und zuversicht
Heute geht es um ein Thema, das ziemlich oft mit am Tisch sitzt, wenn wir mit Menschen arbeiten. Der Zweifel ist gern mal mit an Bord, der Zweifel an uns selbst, am Prozess, an der Wirksamkeit dessen, was wir tun. Und gleichzeitig gibt es die Zuversicht: das Vertrauen, dass etwas Sinn macht, auch wenn wir es gerade nicht sehen.
Eine Szene aus meiner Praxis
Ich sitze in einem Beratungssetting. Mir gegenüber ein Vater, erschöpft, emotional dicht. Er schildert eine lange Geschichte von Kämpfen mit seiner Ex-Frau, dem Jugendamt, endlosen Anwaltsgesprächen. Und ich merke, in mir wird es still. Kein Impuls, keine kluge Frage, nur der Gedanke: Ich habe gerade wirklich keine Ahnung, was jetzt hilft.
Früher hätte mich das nervös gemacht. Heute weiß ich, das ist ein Moment des Zweifels, und er ist nicht mein Feind, denn ich zweifle nicht, weil ich inkompetent bin, sondern weil ich achtsam bin und spüre, dass diese Situation keine schnelle Antwort will.
Zweifel als Zeichen von Präsenz
Was ist eigentlich Zuversicht?
Zuversicht ist nicht, alles im Griff zu haben. Sie ist eher: Ich weiß nicht genau, was passiert, aber ich glaube daran, dass etwas Sinnvolles entsteht. Steve de Shazer sagte sinngemäß, Veränderung sei immer möglich, solange man nicht sicher sei, dass sie unmöglich ist.
Zweifel und Zuversicht sind keine Gegensätze, sie sind Spannungspartner. Zweifel bringt uns ins Fragen, Zuversicht bringt uns ins Vertrauen. Zweifel ist wie ein Wind, der prüft, ob das Segel stabil ist. Zuversicht ist der Mut, trotzdem loszusegeln, auch wenn der Horizont noch nicht zu sehen ist.
Was bedeutet das für unsere Arbeit?
Es kann bedeuten, dass wir Momente der Ratlosigkeit nicht verstecken müssen, sondern transparent machen können, auch gegenüber Klient:innen. Ein Satz wie „Ich merke gerade, dass ich keine schnelle Antwort habe, vielleicht schauen wir gemeinsam, worauf wir uns konzentrieren wollen“ ist keine Schwäche, sondern eine Einladung, und oft genau der Moment, in dem Begegnung entsteht.

Fragen für Momente des Zweifelns
Zweifle ich gerade, weil mir wirklich etwas fehlt, oder weil ich zu viel von mir erwarte? Muss ich jetzt handeln, oder darf ich auch einfach da sein? Als Systemiker:innen mögen wir kleine Schritte, was könnte dein nächster sein?
Und denk dran: Zweifel ist nicht das Gegenteil von Kompetenz. Er ist ein Zeichen, dass du wach bist.
Wenn dich Fragen wie diese weiter beschäftigen, interessiert dich vielleicht auch mein Buch „Per Anhalter durch die systemischen Welten“, eine Sammlung von Gedanken und Reisegeschichten aus dem systemischen Arbeiten, die Mut machen und Leichtigkeit vermitteln soll. Mehr dazu: Link folgt in den Shownotes.
Ein Gedanke, ein Themenwunsch oder eine Frage? Schreib mir gern an hallo@neda-mohagheghi.de oder über Social Media.
Ich freue mich,
Sie kennen zu lernen!
Neda Mohagheghi
Düstere-Eichen-Weg 22
37073 Göttingen