Warum Konflikte selten nur an einer Person liegen

„Wenn er sich nicht immer zurückziehen würde, müsste ich auch nicht ständig nachfragen.“

„Wenn sie mich nicht ständig kritisieren würde, hätte ich keinen Grund, mich zurückzuziehen.“

Beide Aussagen können gleichzeitig wahr erscheinen.

Und genau darin liegt etwas Spannendes.

Wenn Menschen in Konflikte geraten, suchen wir oft nach einem Anfangspunkt.

Wer hat angefangen?
Wer hat den Fehler gemacht?
Wer trägt die Verantwortung?

Doch viele zwischenmenschliche Dynamiken funktionieren nicht so einfach.

 

Die Suche nach dem Schuldigen hilft oft nur begrenzt

In Konflikten denken wir häufig linear.

A macht etwas.
Deshalb reagiert B.

Die Ursache scheint klar. Die Wirkung auch. Doch wenn wir genauer hinschauen, wird es komplizierter.

Denn B reagiert nicht nur auf A.
A reagiert gleichzeitig wieder auf B.

Und so entsteht eine Wechselwirkung. Ein Kreislauf.

 

Das berühmte Beispiel

Ein klassisches Beispiel aus der Kommunikationspsychologie beschreibt ein Paar: Die Frau beschwert sich regelmäßig darüber, dass ihr Mann sich zurückzieht. Der Mann wiederum sagt, er ziehe sich zurück, weil seine Frau ständig nörgle.

Wer hat angefangen? Die Frau? Der Mann? Je nachdem, wen man fragt, bekommt man unterschiedliche Antworten. Beide erleben ihr Verhalten als Reaktion auf das Verhalten des anderen. Und genau deshalb kommen viele Konflikte nicht weiter. Jeder sieht die Ursache beim Gegenüber.

Was passiert, wenn wir die Perspektive wechseln? Systemisches Arbeiten lädt dazu ein, einen Schritt zurückzutreten. Statt zu fragen: „Wer hat recht?“ fragen wir: „Wie beeinflussen sich die Beteiligten gegenseitig?“

Plötzlich verändert sich der Blick. Wir betrachten nicht mehr einzelne Personen isoliert. Wir betrachten Beziehungen. Muster, Wechselwirkungen. Und genau dort entstehen oft die spannendsten Erkenntnisse.

Die Frage, die vieles verändert

Eine meiner Lieblingsfragen lautet:

„Was glauben Sie, wie die andere Person die Situation beschreiben würde?“

Diese Frage wirkt zunächst erstaunlich schlicht. Doch sie tut etwas Wichtiges: Sie unterbricht den gewohnten Blick auf die Dinge. Statt die eigene Sicht weiter zu verfestigen, entsteht Neugier auf eine andere Perspektive. Nicht mit dem Ziel, Recht oder Unrecht festzustellen. Sondern um mehr über das gesamte System zu verstehen. Menschen sind selten einfach „so“

Besonders hilfreich finde ich dabei einen weiteren Gedanken aus der systemischen Arbeit: Menschen sind nicht einfach bestimmte Eigenschaften. Sie verhalten sich auf bestimmte Weise. Das klingt zunächst wie eine Kleinigkeit, ist es aber nicht. Zwischen den Sätzen
„Mein Kollege ist schwierig.“
und
„Mein Kollege verhält sich in bestimmten Situationen schwierig.“
liegt ein großer Unterschied.

Die erste Aussage beschreibt einen Menschen. Die zweite beschreibt ein Verhalten. Und Verhalten kann sich verändern.

 

Neue Sichtweisen schaffen neue Möglichkeiten

Immer dann, wenn wir beginnen, Wechselwirkungen zu erkennen, entsteht oft Bewegung. Nicht, weil plötzlich alle einer Meinung sind, nicht, weil Konflikte verschwinden. Sondern weil neue Informationen verfügbar werden.

Wir entdecken Zusammenhänge, die vorher unsichtbar waren und erkennen unseren eigenen Anteil am Muster. Und wir verstehen besser, warum andere Menschen handeln, wie sie handeln.

Und manchmal beginnt genau dort Veränderung.

Eine Frage für die kommende Woche

Vielleicht gibt es gerade eine Situation in Ihrem Leben, die Sie beschäftigt. Eine Beziehung, einen Konflikt, ein Missverständnis.

Dann stellen Sie sich einmal folgende Frage:

  • Wenn die andere Person diese Situation beschreiben würde – was würde sie vermutlich erzählen?

Sie müssen dieser Sichtweise nicht zustimmen. Vielleicht ist sie sogar völlig anders als Ihre eigene.

Doch allein die Bereitschaft, sie für einen Moment einzunehmen, kann überraschende neue Perspektiven eröffnen.

Ich freue mich,
dich und dein Team kennen zu lernen!

Neda Mohagheghi
Düstere-Eichen-Weg 22
37073 Göttingen

+49 170 – 4 57 90 55
hallo@neda-mohagheghi.de